Das letzte Gespräch


(von Oberst a.D. Frithjof Banisch)

 

 

Es ist der 15. Februar 2008 und die härteste Winterzeit scheint vorbei zu sein, aber ein Frühling

ist wohl noch in weiter Ferne.

Der Mann, dem ich am Küchentisch gegenüber sitze wird den Frühling nicht mehr erleben.

Er hat das längst begriffen und so erspart er Herrmann, einem Freund, seinem

Lorchen und mir das Mutmachen.

Ich bin dem Mann dankbar dafür, denn damit wird unser Gespräch erst einmal sachlicher.

Es ist uns schon schwer genug ums Herz.

Schließlich wird es das letzte Gespräch zwischen uns sein und die Anwesenden wissen

das.

Der Mann ist körperlich nicht einmal mehr der Schatten seiner selbst.

Die Krankheit hat ihn aufgefressen und nicht nur die. Seine Müdigkeit ist unübersehbar,

seine Bewegung unsicher, aber sein Blick ist klar. Er schafft zwei Löffel seiner Suppe,

dann muss er eine Pause machen.

Wir sehen uns in die Augen und während er spricht, leise aber deutlich, habe ich mit einem

Kloß im Hals zu kämpfen. Schließlich kennen wir uns persönlich seit über 40 Jahren und er

beeinflusste aufgrund seiner DienststeIlung und seiner Persönlichkeit meinen Werdegang ganz

wesentlich - wie den von so vielen Männern und Frauen meiner Zunft, die wir uns gemeinsam

mit ihm um den Schutz der Staatsgrenze der DDR bemüht haben.

Seine Worte streifen Vergangenes und das Heute.

In den Jahren als Stellvertreter des Ministers für Nationale Verteidigung und Chef der

Grenztruppen der DDR hat er die Last der Verantwortung bewusst getragen und das

mit Engagement. Er hat die Konsequenzen ertragen, die das Primat der Politik

gegenüber dem Militär nun einmal so mit sich bringen - besonders dann, wenn etwas

schief geht.

Er hat gefordert und gefördert, kollektive Beratung gebraucht und mit Alleingängen sein

Umfeld an den Rand der Verzweiflung gebracht. Er hat gewürdigt, war sensibel und konnte

verletzen ohne es zu merken.

Er war nie nachtragend, hat aber nichts vergessen.

Kurzum, er war in seiner Aufgabe aufgegangen und ein Mensch aus Fleisch und Blut.

Als Chef war dieser Mann hier und da auch einsam, weil er nicht über all das reden konnte, was

ihn umtrieb. In den Jahren der Strafverfolgung, der Inhaftierung durch die "Sieger" und der

Diffamierung seiner Truppe und somit der eigenen Person, bewegten ihn tausend Fragen und

auf Vieles fand er keine schlüssigen Antworten.

Er mühte sich in Selbstbefragung und im Gespräch mit vielen Genossen um das Erkennen eigener

Versäumnisse und Fehler als Militär und als Kandidat des ZK der SED.

Er entschuldigte sich bei manch Einem, dem er vermeintlich Unrecht getan hatte in harten

Dienstjahren und ließ Andere seine Enttäuschung spüren.

Auch sein öffentliches Bedauern gegenüber Hinterbliebenen von an der Staatsgrenze zu Tode

Gekommenen war aufrichtig gemeint.

In den Grenzerprozessen war er häufig für seine vor Gericht gestellten Männer da und als Zeuge

um sach- und fachliche Bewertung bemüht, obwohl er sich damit wieder und wieder der

Beschimpfung der Medien aussetzte.

Unwirsch reagierte er zunächst auf das Drängen einiger Grenzer, doch bitte seine Erinnerungen

zu Papier zu bringen. Er hat es noch geschafft, auch Dank Hannelore.

Nun sitzen wir uns gegenüber und ihn bewegt die Frage, ob die Grenzer

nach all den Ereignissen und den für Viele so schmerzlichen Begleitumständen, Gerichtskosten

und Ehrabschneidereien doch weiter in solidarischer Kameradschaft zusammenstehen und mit

Stolz darauf, das sie zur längsten Friedensperiode in Europa beigetragen haben und dafür

sorgten, dass am Abend der chaotischen Öffnung der Grenzübergänge und den Tagen danach

kein Schuss fiel.

Das klingt nicht pathetisch.

Er meint es so und steht mühsam auf, wir umarmen uns, er sagt: "kümmere dich - machs

gut!" und geht aus der Küche hin zu seinem Bett.

Ich stehe vor dem Haus, brenne mir eine Zigarette an und weiß - aufrecht gehen ist eine schwere

Sache.

                     

                         

                         Klaus-Dieter Baumgarten, der Generaloberst hat es gewagt.

 

 

 

 

Acht Jahre sind nun schon vergangen.

 Am 01. März 2016, im Jahr der 70. Wiederkehr der Schaffung

              der Grenzsicherungsorgane der SBZ und der DDR wäre er 85 Jahre alt geworden.

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 Offener Brief zu dem Buch "Halt - Staatsgrenze!"

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" Vom Knecht zum General "l

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 Grenzbrigade Küste - DDR - Grenzsicherung zur See

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 Buch über die Grenze und das Grenzregime der DDR

 

 "Soldaten für den Frieden"

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