Replik zum Artikel "Über Grenzen"

 

auf der Internetseite der "Interessengemeinschaft und Grenzernachlässe (IGRA)

 

Auf ihrer Internetseite veröffentlichte die IGRA einen Artikel von Oberst a.D. Frithjof Banisch mit dem genannten Titel. Im Großen und Ganzen findet dieser meine Zustimmung.

 

Er geht davon aus, dass man bei der Beurteilung von Sieg oder Niederlage "beide Seiten der Medaille betrachten sollte":
Anschaulich legt der Autor dar, was uns nach dem "Sieg" als "Geschenk" auf den Tisch der "Deutschen Einheit" gelegt wurde. Er analysiert kurz, knapp und sachlich die Lage im November 1989 in der DDR. Er benennt treffend die "Aktivisten" die damals öffentlich in Aktion waren.

Leider lässt er die wahren Hintermänner, die die entstandene und sich seit langem ab zeichnende desolate Situation skrupellos ausnutzten, unerwähnt.

So überrascht vom Geschehen in diesen Tagen war der Westen keineswegs.

Monate vorher gab es Signale aus dieser Richtung - auch von der Führung der UdSSR - die erkennen ließen, dass solch eine oder auch ähnliche Entwicklung in der DDR kommen würde.

Nur der Zeitpunkt war unbestimmt.

 

Die Sprachlosigkeit der Führung der DDR angesichts der Fluchtbewegung aus der DDR über Ungarn und die Besetzung der Botschaften in Prag und Warschau taten ein Übriges.

 

Warum spricht der Autor nicht aus, dass wir es eben mit antisozialistischen Bestrebungen zu tun hatten - also mit der Konterrevolution.

 Manch einer scheut sich heutzutage das Wort Revolution und Konterrevolution in den Mund zu nehmen.

 

Auf Seite 3 schreibt der Autor: " Es scheint so, als ob das kapitalistische Gesellschaftsmodell sich nun ungehemmt weltweit unter dem Diktat der Interessen einer Supermacht durchsetzen wird."

Es wird sich nicht durchsetzen, sondern es hat sich schon durchgesetzt!

Weltweit dominiert der Kapitalismus/Imperialismus (Kuba hier einmal ausgeklammert) - abgesehen auch von den Bewegungen in Südamerika, die noch in den Anfängen stecken - ist weit und breit keine revolutionäre Entwicklung zu entdecken.

 

Auf Seite 3 geht er davon aus: Dass "die angestauten gesellschaftlichen Widersprüche in der DDR" nach einer Lösung suchten, die in eine "Eigendynamik" gerieten, "ohne zu einer progressiven Lösung zu führen".

Er stellt die Frage: "Warum haben die NVA und die sowjetischen Truppen in der DDR" - einschließlich Grenzsicherungskräfte - "die Angelegenheit nicht wieder 'in Ordnung' gebracht?"

Den Gründen, die der Verfasser benennt, stimme ich zu.

War es aber auch nicht der Druck der Massen und die Demonstrationen von Hunderttausenden in der DDR?

War sich die oberste militärische Führung wirklich sicher, das die Truppe voll und ganz für jeden Einsatz bereit war.

Das wage ich zu bezweifeln.

 

Untersuchungen über das Wehrmotiv aus dieser Zeit besagen etwas anderes.

Selbst Generaloberst a.D. Streletz verfängt sich hier in Widersprüchen (Siehe meinen Beitrag "Randglossen..." auf der Internetseite der AG Grenze).

Die Befehle des Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates Honecker und später Krenz von 1989 ordneten unmissverständlich das Verbot der Anwendung der Schusswaffe an.

Die Truppe hielt sich diszipliniert an diese Befehle.

 

Die eigentlichen Gründe dieser Verbote werden oft nur marginal erwähnt oder ganz außen vor gelassen.

Eigentlich ließ die Lage - die reale Gefahr Bürgerkrieg oder Volksaufstand - nichts anderes zu.

 

Auf Seite 4 ist vom Primat der Politik gegenüber den Sicherheitskräften die Rede.

 

Man liest: "Also tragen Politiker der DDR die unmittelbare Verantwortung für das Ereignis und zunächst auch für den Lauf der Dinge am 09. November und in den ersten Stunden des 10.Novembers". Das stimmt schon.

Doch was ist mit der viel beschworenen Einheit der politischen und militärischen Führung.

Warum waren führende Militärs der DDR eigentlich Mitglieder oder Kandidaten des ZK der SED?

Waren sie nur Teil einer Abstimmungsmaschine oder sollten sie nicht vielmehr ihr militärisches Wissen und ihre Erfahrungen für die Gesamtpolitik des Staates einbringen?

Sie waren als gewählte Kandidaten und Mitglieder des ZK der SED - der MfNV war sogar Mitglied des Politbüros - Teil der politischen Führung der DDR.

 

Man muss hier bitter konstatieren, dieser Aufgabe wurden sie keineswegs gerecht.

Die Generäle verkörperten in sich Politik und Militär.
Selbst auf der kritischen 10. ZK-Tagung im Herbst 1989 schwiegen diese Generäle.

Warum wohl? Es fehlte ihnen an Courage, wie Streletz danach eingesteht.

Was soll seine Schlussfolgerung, "hinterher ist man immer klüger"?

Das genügt nicht. Die militärische Führung war in den bewussten Stunden - aus welchen Gründen auch immer - genauso sprach- und tatenlos wie die politische Führung.

 

Die wahren Ursachen für dieses beispiellose, verantwortungslose und durch nichts zu entschuldigende Verhalten erfährt man leider nicht.

 

Seite 5: "Bis heute ist auch das Grenzregime der DDR unverändert mediales Thema und wird auch weiter der Delegitimierung der DDR dienen müssen."

Dem muss ich zustimmen.

 

Ich stehe zum Grenzregime der DDR, dass zum Schutz und zur Verteidigung des Friedens notwendig war.

Doch es nützt nichts, dieses Regime nur zu verteidigen.

Zur historischen Sicht gehört eben auch neben den Licht- auch die Schattenseiten.

 

Alles in allem, den Beitrag, "Über Grenzen", finde ich gut und notwendig.

 

Meine Replik soll nur ergänzen und weitere Gedanken anregen.

 

Horst Liebig

 

 

 

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